Annie
Glenn schloss die Haustür hinter sich, seufzte einmal tief und blieb einen Moment regungslos stehen. Dann biss er sich kurz auf die Lippen und setzte sich schließlich in Bewegung. Unruhig ließ er immer wieder seine Blicke umherschweifen. Alles wirkte heute so fremd, dabei war er genau diesen Weg schon tausende Male entlanggegangen. Es war eigentlich nichts anders, als an all den unzähligen Tagen davor.
Der Kies knirschte laut unter seinen Füßen, als er die leicht abfallende, etwas verdreckte Einfahrt von dem Haus mit der schäbigen Wohnung, in der er schon seit über zehn Jahren wohnte, hinunterschlurfte. Es war noch dunkel und er fror trotz seiner dicken Winterjacke und dem Flanellschal, den er fest um seinen Hals geschlungen hatte. Glenn folgte der heute viel zu kurzen Straße während er seine leicht zitternden Hände in die Hosentasche steckte, hoffend, dass sie nur vor Kälte bebten und nicht aus einem anderen Grund. Um sich abzulenken beobachtete er im Licht der sperrlich leuchtenden Laternen, die sich rechts und links an die Straße reihten, die in ein neues, wenn er Glück hatte, besseres Leben, führte, seinen Atem, der bei jedem Zug, während dem er die feuchte Luft aus seinen Lungen stieß, wie Nebel in sein bleiches Gesicht schlug.
Und da war sie auch schon: die Bushaltestelle. Er konnte bereits aus einiger Entfernung das ihm sonst eigentlich vertraute, müde Gebrabbel der wartenden Schüler vernehmen, die, wie er es gleich würde, auf den Bus warteten. Glenn verlangsamte seinen Gang leicht, während er versuchte sich etwas Mut zuzusprechen, was ihm aber, wie so oft, nicht recht gelingen wollte.
Dann blieb er ganz stehen und sah sich um, doch er konnte ihn nicht entdecken.
Unsicher rückte er den Kragen seiner dunkelblauen Jacke zurecht und schaute noch einmal prüfend an seinen langen dünnen Beinen, die in einer leicht zerrissenen, älteren Jeans steckten, auf seine neuen, grünen Schuhe hinab, nickte nicht ganz überzeugt leicht mit dem kopf und näherte sich weiter der Haltestelle, wobei er versuchte möglichst selbstsicher zu wirken. Doch es half nichts: er kam sich irgendwie seltsam vor. Er seufzte nochmals, worauf ein besonders großer neblig-feuchter Atemstoß auf seinem Gesicht prickelte und stellte sich an den gewohnten Platz, etwas links von dem hohen Schild, auf dem das ihm so bekannte gelbe „H“ abgebildet war.
„Hoffentlich kommt er nicht“, dachte Glenn bei sich und verkniff für den Bruchteil einer Sekunde sein Gesicht bei dem Gedanken an Irvin. Um die Bilder der zahlreichen schlechten Erinnerungen und die Stunden der Demütigungen aus seinem Kopf zu vertreiben, fummelte er an seiner Fahrkarte herum und stellte fest, dass diese bereits am Freitag der letzten Woche abgelaufen war. Heute war Montag. Der dritte Februar.
Genervt verdrehte Glenn die Augen und schüttelte resignierend den Kopf. Normalerweise machte er sich nicht allzu große Sorgen darum, ob er mal ein oder zwei Tage schwarz, oder um es schöner auszudrücken, ohne gültige Fahrkarte fuhr, aber das musste nun wirklich nicht gerade an seinem ersten Schultag sein. Etwas abwesend begann er in seinen Hosen- und Jackentaschen zu kramen, auf der Suche nach ein paar Geldstücken, doch vergebens. Das einzige, was er aus den Tiefen seiner Taschen herausangelte, war ein grünes Plektrum – er spielte Gitarre – , ein benutztes Taschentuch und einen noch verschweißten Kaugummi, von dem er sich nicht sicher war, wie lange dieser schon in seiner Jacke umhergeisterte.
So überlegte Glenn angespannt, einfach wieder nach Hause zu gehen, aber er befürchtete, dass sein Vater eine ungültige Fahrkarte wohl kaum als eine geltende Ausrede befinden würde, sich einen Tag mehr vor der neuen Schule zu drücken, fuhr er doch selbst nie mit Fahrschein. Außerdem wollte Glenn sich die Reaktion seines Vaters lieber gar nicht erst ausmalen.
„Morgen Glenn“, tönte es dann plötzlich von rechts und Glenn blickte erschrocken in das ihm so verhasste Gesicht von Irvin.
„Den heutigen Tag hatte ich schon sehnsüchtig erwartet“, flötete dieser weiter und setzte einen gespielt träumerischen Gesichtsausdruck auf. „Der Tag, an dem wir dich endlich los sind…“
Glenn lachte kurz kalt auf, doch was er hätte erwidern sollen, wusste er nicht. Sie war wieder da. Die Blockade. Kein Wort wollte über seine Lippen in die Zivilisation entweichen.
„Naja, eigentlich hatte ich ja gehofft, sie würden dich gleich in eine Anstalt stecken. Aber so werde ich deine hässliche Maske, die manche Leute Gesicht nennen, und deinen… ähm… tollen Anblick wohl noch ein wenig länger ertragen müssen – wenigstens morgens“, fuhr Irvin fort und sein Mund verzog sich zu einem hämischen Grinsen, während er Glenn von oben bis unten mit einem leicht skeptischen, sich amüsierenden Blick musterte.
„Schön. Freut mich“, brachte Glenn nun endlich heraus, froh darüber, dass er aus seiner Starre erwacht war und überhaupt ein paar zusammenhängende Worte aneinander gereiht zu haben, drehte sich dann zur Seite weg und setzte seine Kopfhörer auf. Er machte seine Musik so laut, dass er nichts mehr um sich herum hören konnte, erst recht nicht Irvin und seine Kommentare, und starrte in die Richtung, aus der er vermutete, dass sein neuer Schulbus kommen würde.
Und endlich sah er die Lichter eines Busses näher kommen. Doch verzweifelt musste er feststellen, dass es nicht sein Bus war – jedenfalls nicht mehr. Es war der Bus, der zu seiner alten Schule fuhr. Die Schule, an die er eigentlich nur mit Hass zurückdachte und doch empfand er es als Demütigung nicht mehr hingehen zu können. Die Schule, auf der er niemanden kannte, der es gut mit ihm gemeint hatte und nett zu ihm gewesen war und wo er froh über jeden gewesen war, der ihn einfach nur ignoriert hatte. Die Schule, auf die Irvin ging und ihm seit einem Jahr das Leben zur Hölle machte.
Ein Gutes hatte es jedoch, dass nun der Bus eben dieser Schule kam: Er würde einsteigen und ihn endlich wieder in Ruhe lassen.
Das war aber auch die einzig positive Seite an seiner neuen Schule, dass Irvin dort nicht sein würde und er im Prinzip ganz von vorne beginnen könnte.
Sobald Irvin in den Bus eingestiegen war und sich die Türen hinter ihm geschlossen hatten, spürte Glenn die Erleichterung, die in ihm aufstieg und fühlte sich sofort um einiges besser, wenn auch nicht gut. Gut, das fühlte er sich nie.
Ja, ein neuer Anfang, dass war eigentlich alles, was er brauchte. Er würde jetzt bestimmt auch wieder gute Noten schreiben, so wie früher, als seine Mutter noch gelebt hatte. Mit einigem Mehr an Mut sah er jetzt auch seinem neuen Schulbus entgegen, der mit seinen vier hellen Frontlichtern die Straße entlang auf ihn und die anderen verbliebenen Schüler zugerollt kam. Glenn atmete einmal tief durch und stieg dann mit entschlossener Miene die drei Stufen in den Bus hoch. Zu seiner Erleichterung konnte er keinen Fahrkartenkontrolleur entdecken und so suchte er nach einem freien Platz, da die anderen Schüler schon alle an ihm vorbeigeströmt und zielstrebig auf einen der Plätze zugegangen waren. Offensichtlich hielt der Bus vorher noch an anderen Haltestellen, denn er war schon sehr voll. Doch obwohl alle schon munter plappernd beieinander saßen, viele leicht gepresst wegen der dicken Winterjacken, konnte er einen Zweiersitz fast ganz hinten im Bus ausmachen, auf dem nur ein junges Mädchen mit einem Kopftuch saß. Neben ihr niemand.
Glenn steuerte auf sie zu und nuschelte: „Ist der noch frei?“, worauf sie ihren Rucksack zur Seite stellte und ihm, kurz lächelnd, Platz machte. Während der Fahrt versuchte Glenn möglichst gerade aus und ins Leere zu schauen. Ihm war nicht ganz wohl zumute und er war sich sicher, dass alle, die mit ihm jeden Morgen an der Bushaltestelle standen, Irvins Beleidigungen mitbekommen hatten und er ging davon aus, dass wohl auch sie irgendwann glaubten, was er so erzählte.
Sicher, dass mit seiner Mutter hatte in mancher Hinsicht durchaus gestimmt, aber es hatte nun einmal nicht jeder so viel Geld, wie Irvin und seine Familie und die Zeitungen hatten mit ihren unzähligen Berichten auch sehr übertrieben.
„Hey“, kam es plötzlich von links und Glenn wurde abrupt aus seinen Gedanken gerissen. „Hast du dich nicht im Bus geirrt?“ Das Mädchen, das neben ihm saß, grinste ihn vergnügt an.
„Nein, ich hoffe nicht“, antwortete Glenn verwirrt.
„Bist du nicht bisher immer auf dem Gymnasium gewesen?“, fragte sie weiter.
„Doch. Hab gewechselt“, grummelte er unverständlich.
„Und wieso?“, bohrte das Mädchen weiter.
„Warum interessiert dich das? Du kennst mich doch gar nicht“, gab Glenn nun leicht genervt zurück, worauf das Mädchen milde lächelnd mit den Schultern zuckte, ihm ihre Hand entgegenstreckte und munter verkündete: „Hallo, ich bin Annie.“
„Glenn“, nuschelte er und schaute sie skeptisch an.
„Glenn und wie noch?“, wollte sie weiter wissen.
„Glenn Claudius. Claudius ist der Nachname. Und damit du nach meinem zweiten Namen gar nicht erst zu fragen brauchst: Amos“, antwortete er knapp, doch mittlerweile war er doch ein bisschen amüsiert von der Unverfrorenheit seiner Sitznachbarin.
„Okay, und warum hast du die Schule gewechselt?“, wollte Annie weiter wissen, worauf Glenn kurz lachen musste.
„Du denkst, du kennst mich schon?“, fragte er trocken und sah in die funkelnden Augen seiner neuen Bekanntschaft.
„Na gut, dann halt morgen“, sagte sie schnippisch, drückte ihn vom Sitz herunter und stolzierte lächelnd an ihm vorbei aus dem Bus heraus, der gerade gehalten hatte. Verdutzt sah Glenn ihr hinterher und konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. „Naja, nett war sie zu ihm ja immerhin gewesen… eher eine Seltenheit“, dachte er bei sich und fragte sich gleichzeitig, wann ihn ein Mensch das letzte Mal so oft angelächelt hatte und das auch noch in nur wenigen Minuten.
Doch, als er aus dem Bus ausstieg und ihm die klirrende Kälte wieder ins Gesicht stach, meldeten sich die Gedanken an den ersten Schultag, der vor ihm lag, zurück und die kurz aufschäumende Fröhlichkeit war wie weggewischt.
Als er nach der Schule allein beim Mittagessen saß – sein Vater war wie immer beim Arbeiten, doch das war Glenn am liebsten so -, reflektierte er ein wenig den Tag. Im allgemeinen war er eindeutig besser gewesen, als alle guten Tage vom letzten Schuljahr zusammen, obwohl er niemanden gekannt hatte und auch keiner es für nötig erachtet hatte mit ihm zu reden oder ihn groß zu beachten, mal abgesehen von dem verrückten Mädchen im Bus. Aber es war ihm sicher lieber, dass man ihn ignorierte, als das ständige Rumhacken, das er sonst gewöhnt war.
Nachdem er gegessen hatte, stellte er, wie gewöhnlich, das übrige Essen auf einem Teller in die Mikrowelle, wo es sich sein Vater abends nach der Arbeit immer aufwärmte. Dann schob er die Zeitung auf dem Küchentisch beiseite, so dass er genug Platz für seine Schulbücher und Hefte hatte und begann mit den Hausaufgaben. Da er an diesem Tag ungewöhnlich schnell fertig war, schmiss er sich auf das abgenutzte Sofa im Wohnzimmer und sah etwas Fern. Weil aber nichts Interessantes kam, griff er sich kurzer Hand seine Gitarre, kramte den Plektrum aus seiner Hose heraus und begann zu spielen. Nach ein paar Liedern blickte er zur Uhr und sprang erschrocken auf: es war schon fast sieben! Sein Vater würde bald zurück sein und der dachte immer noch, dass Glenn jeden Abend von sieben bis um halb neun im Handballtraining war. Glenn hatte seinem Vater nie erzählt, dass er dort schon lange nicht mehr hinging. Sein Trainer hatte immer gesagt, er habe Talent, aber in der Mannschaft waren einige Leute von seiner alten Schule, von denen einige Irvin, was Gemeinheit anging, kaum in etwas nachstanden, und so ging Glenn für gewöhnlich um viertel vor sieben im Trainingsanzug und mit einer Sporttasche über der Schulter aus dem Haus.
In der Regel verzog er sich in der Zwischenzeit an seinen Lieblingsplatz. Dieser Platz hatte eigentlich nichts Besonderes. Glenn setzte sich immer unter eine der Brücken, die über den Fluss führte, der an der Stadt, in der er wohnte, vorbei floss. Es machte ihm Spaß Zeit für sich zu haben und in aller Ruhe und ohne irgendwelche Menschen die Schiffe zu beobachten, die vorbeifuhren. Ab und zu kam es sogar einmal vor, dass ihm jemand von einem Boot aus zuwinkte, was Glenn immer wieder ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. Die Menschen, die auf den Boten vorbeifuhren, kannten ihn nicht. Sie wussten auch nichts von Irvin. Oder Glenns Leben. Sie standen einfach nur an der Reling und winkten ihm zu. Und er, er winkte zurück, Und lachte.
Doch im Februar war es zu dunkel, als dass jemand ihn von einem Schiff aus hätte erkennen können oder er jemanden hätte erkennen können. Aber auch wenn er frierend und in eine Decke eingemummelt, die er sich extra mitbrachte (schließlich musste ja irgendetwas in seine Sporttasche) im Dunkeln saß, hatte er doch ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Jedenfalls stellte Glenn es sich so vor, dieses Gefühl.
Wenn er dann gegen halb neun wieder nach Hause kam, lag sein Vater meistens schnarchend auf dem Sofa und Glenn musste sich nur an ihm vorbei in sein Zimmer schleichen, wo er für gewöhnlich etwas las oder leise Musik hörte, bevor er schlafen ging.
Doch an diesem Tag war es anders. Er hatte wie immer etwa eine Stunde allein unter der Brücke gesessen und sich dann auf den Heimweg gemacht. Er war in Gedanken versunken und lief aus Versehen in jemanden hinein.
„’schuldigung“, grummelte er nur und wollte weitergehen, doch da erkannte er, an wen er gestoßen war.
„Kein Problem“, antworteten auch schon eine fröhliche Mädchenstimme und Glenn sah selbst im Dunklen die funkelnden Augen, in die er erst morgens gesehen hatte.
„Verfolgst du mich?“, fragte er, etwas grober, als er klingen wollte.
„Nein“, gab sie schlicht zurück. „Eigentlich gehe ich spazieren, aber Privatdetektiv wäre in der Tat auch eine Berufsmöglichkeit.“
„Naja, ich glaube im Dich- Verdeckt- Halten bist du sicher kein Meister… Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du zu viel redest?“, setzte Glenn das Gespräch fort.
„Ja, schon oft!“ Sie lachte. „Aber man weiß nie wie lange das Leben ist und ich möchte nichts verpassen! Und ich will nicht, dass jemand etwas von mir verpasst.“
Glenn musste nun seinerseits schmunzeln. „Interessante Ansicht“, antwortete ihr und versuchte nachdenklich zu wirken.
„Du könntest dir da ruhig mal eine Scheibe abschneiden, weist du? Du bist wirklich der Mensch, der die kürzesten Sätze macht, die ich kenne… Wenn man es Sätze nennen kann“, stellte sie fest und schaute ihn erwartungsvoll an. Doch Glenn zuckte nur mit den Schultern.
„Na gut, ich werde dir auf die Sprünge helfen“, setzte sie nach einiger Zeit hinzu und stemmte ihre Hände in die Hüften, die in einen Wintermantel gehüllt waren. „Warum hast du die Schule gewechselt?“
Glenn lachte kurz auf. „Es ist noch nicht morgen!“ Dann drehte er sich um und lief nach Hause. Seinen Vater fand er, wie erwartet, auf dem Sofa vor. Er hatte wieder eine Flasche Bier in der Hand…
Der nächste Tag war genau so kalt, wie der letzte und Glenn stand abermals vor Kälte bibbernd an der Bushaltestelle. Doch dieses Mal hatte er seine Kopfhörer bereits aufgesetzt und versuchte sich in der Musik zu verlieren um Irvin möglichst erst gar nicht wahrzunehmen. Als gerade ein besonders kalter Windzug Glenns Gesicht streifte und er verbissen die Augen zukniff, tippte ihm jemand auf die Schulter. Er hatte damit gerechnet und sich fest vorgenommen auf Irvin nicht einmal zu reagieren und so starrte er stur gerade aus, darauf bedacht keine Miene zu verziehen. Plötzlich riss ihm jemand die Kopfhörer von den Ohren und er wollte schon genervt etwas erwidern, was er sich für diesen Fall zurechtgelegt hatte, doch stattdessen weiteten sich vor Überraschung seine tief dunkelbraunen Augen. Vor ihm stand nicht das hämisch grinsende Gesicht, das er erwartet hatte, sondern er blickte direkt in ein Paar klarer Augen und konnte nichts dagegen tun: ein Lächeln huschte über seinen Mund.
„Was machst du denn hier?“, fragte er sie verdutzt und zog die rechte Augenbraue hoch.
„Na, also ich hatte dich für schlau genug gehalten, dass du erraten würdest, was ich hier tue…“, antwortete sie und grinste ihn frech an, worauf Glenn sie mit einem zweifelnden Blick seinerseits versah.
„Auf den Bus warten! Was dachtest du denn?“ Sie lachte laut.
„Ich habe dich hier noch nie gesehen“, gab er zu seiner Verteidigung zurück, was Annie nur noch lauter lachen ließ.
„Naja, mit so lauter Musik und deinem Ins- Nichts- Starren würde ich auch niemanden sehen“, gluckste sie vergnügt.
„Oh, Glenn, sie an… Wie viel musstest du ihr denn zahlen, dass sie mit an die Bushaltestelle kommt und das um diese Uhrzeit? Kriegt man die nicht normalerweise nur abends? Oder ist das eine alte Freundin deiner Mutter?“ Irvin war aufgetaucht und seine Mundwinkel formten sich zu dem verhassten Grinsen. Glenn antwortete nichts und drehte sich zur Seite.
„Was war das gerade?“, hörte er da jedoch Annies Stimme, doch von der gewohnten Leichtigkeit und Unbekümmertheit war nichts mehr zu hören.
„Redest du mit mir?“, fragte Irvin und Glenn war überrascht etwas Irritation in seiner Stimme zu erkennen.
„Ganz Recht“, antwortete sie ihm trotzig und Glenn sah, wie sie die Hände in die Hüften stemmte.
„Lass nur, Annie“, flüsterte er fast und wollte sie aus Irvins Reichweite ziehen, doch sie befreite sich von Glenns Griff und sah Irvin scharf an. Der hob schützend die Hände vor sich und meinte bitter lachend: „Schon gut, ich habe keine Lust auf noch eine von dieser Art. Viel Spaß mit ihm. Wenn mir danach sein sollte – ich glaube kaum – werde ich dich vielleicht mal besuchen kommen. Ich muss dafür ja nicht drei Jahre sparen. Viel Spaß auf der Idiotenschule!“ Mit diesen Worten stieg er, immer noch lachend, in den Bus, der gerade vor ihnen gehalten hatte.
Glenn sah betrübt auf den Boden.
„’schuldigung“, murmelte er.
„Für was?“, fragte Annie ihn verdutzt. „Heute ist „Morgen“…“, fuhr sie dann ohne eine Antwort abzuwarten fort und schaute ihn erwartungsvoll an.
Glenn hob verwirrt seinen Blick und kratzte sich am Kopf.
„Also, warum hast du gewechselt?“ Glenn konnte nicht anders, er musste schon wieder grinsen.
„Du lässt wohl nie locker…“, seufzte er und Annie schüttelte milde lächelnd den Kopf.
„Ganz einfach: ich bin zu schlecht“, sagte er trocken, woraufhin sie ihn ungläubig ansah.
„Ja, erschütternd, nicht wahr“, meinte er mit einem unüberhörbaren sarkastischen Unterton.
„Ehrlich gesagt schon“, antwortete sie schlicht und sah ihn nachdenklich an.
„Warst du das vorher auch?“, bohrte sie nach ein paar Sekunden weiter.
„Nein“, gab er etwas harsch zurück und sah dem Bus entgegen, der die glatte Straße entlang schlich, direkt auf sie zu.
„Und warum bist du nicht mehr…“, wollte sie nachhaken, doch Glenn unterbrach sie.
„Willst du jetzt Psychologin spielen oder kommst du mit in die Schule?“, viel ihr Glenn ins Wort und wandte sich in Richtung des Busses.
„Weder noch“, sagte sie lächelnd nach einem Moment des Zögerns und Glenn stieg, sicher, dass sie ihm gleich folgen würde, ein. Doch als er sich umdrehte, war keine Annie hinter ihm. Erschrocken blickte er aus dem Fenster, das ihm am nächsten war und konnte beobachten, wie sie in der Ferne immer kleiner wurde. Sie hatte keinen Schulrucksack auf.
Erst wieder abends, als Glenn vom Fluss auf dem Nach Hause Weg war, lief sie plötzlich neben ihm.
„Was war denn das heute Morgen?“, wollte er sofort wissen, ohne sie zu begrüßen. Annie antwortete ihm nicht.
„Ist heute irgendein muslimischer Feiertag oder so was?“, fragte er etwas unwirsch und sie lachte kurz auf.
„Nein“, sagte sie dann.
„Du trägst das Kopftuch also nicht aus Religionsgründen?“, setzte er seine Ausfragung fort.
„Nein“, kam es von ihr abermals.
„Und warum dann?“ Sie zuckte mit den Schultern.
„Wir sehen uns morgen“, meinte sie nach ein paar Minuten, während denen sie schweigend nebeneinander hergelaufen waren, drehte ihm den Rücken zu, verschwand in die entgegen gesetzte Richtung und ließ den verdutzten Glenn unter einer Laterne stehen. Diesem blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Heimweg fortzusetzen. Immer wieder schüttelte er belustigt über das skurile Verhalten Annies den Kopf.
So ging es ein paar Tage lang. Er sah sie morgens an der Haltestelle und sie fing ihn abends regelmäßig auf seinem Weg nach Hause ab. Manchmal ging sie mit in die Schule, manchmal nicht. Glenn fand, dass es doch sehr leichtsinnig war, öfter einfach gar nicht in die Schule zu gehen, wo er sich ziemlich sicher war, dass sie am Ende dieses Jahres ihren Abschluss machen würde. Außerdem wunderte er sich, dass sie trotz allem fast jeden Morgen kam und mit ihm auf den Bus wartete. Wenn er sie fragte, warum sie das tat, bekam er schlichtweg keine Antwort und nach einiger Zeit gab er es auf, sie überhaupt zu fragen. Er freute sich, dass er jemanden zum reden hatte, jemanden, der ihn zum Lachen brachte und jemanden, den er zum Lachen bringen konnte.
An einem Morgen Anfang März stand Glenn wie gewohnt neben dem gelben Schild mit dem großen „H“ und wartete auf Annie. Er hatte schon lange keine Kopfhörer mehr dabei. Er brauchte sie nicht mehr.
Doch Annie kam heute nicht. Das einzig ihm bekannte Gesicht, das auftauchte, war Irvin.
„Heute ohne Freundin?“, fragte er provokant, kaum war er in Glenns Nähe.
„Nein, sie ist nicht da“, antwortete Glenn knapp.
„Wundert mich nicht“, sagte Irvin und schaute Glenn erwartungsvoll von der Seite an, doch dieser reagierte nicht.
„Sag bloß, sie hat es dir nicht erzählt“, setzte er dann höhnisch hinzu und Glenn konnte aus den Augenwinkeln das gewohnte Grinsen erkennen, blieb jedoch standhaft und zuckte nicht einmal mit der Wimper.
„Hast du dich nie gefragt, warum sie ein Kopftuch trägt?“ Irvins Worte lösten in Glenn eine Welle der Panik und Angst aus, wie es keine seiner Sticheleien je geschafft hatten.
Sein alter Schulbus kam.
„Sie wird nicht mehr kommen“, sagte Irvin, bevor er einstieg und sah ihn mit schief gelegtem Kopf an. Glenn konnte sein fieses, verächtliches Lachen hören. Dann schloss sich die Tür und der Bus fuhr davon.




hay!
ich mag happy end lieber…
wow du kannst echt voll gut schreiben….
die geschichte ist voll gut,
und voll spannend geschrieben, da muss man fertig lesen…
ich find bloß das ende blöd.
lg anna
hi
Deine Storry ist echt super!
Besonders das Ende gefällt mir, ich liebe traurige Geschichten… leider findet man solche viel zu selten.
Würd gern mehr von dir lesen!
lg Pan
Kompliment!