Hinter den Türen
Endlich wurde die Tür gegenüber dem Stuhl, auf dem er saß, geöffnet und man bat ihn hinein. Er erhob sich und achtete dabei darauf, nicht zu hastig oder nervös zu wirken, während er sich ruhig den Anzug glatt strich und dann dem älteren Herren, der noch immer neben der Tür stand, ein freundliches Lächeln zuwarf und in den Raum eintrat.
“Setzen Sie sich doch bitte, Herr Manfred”, sagte der Mann, der die Tür inzwischen geschlossen hatte und nun ihm gegenüber hinter seinem Schreibtisch Platz nahm, um einen Blick in ein paar Unterlagen warf, die vor ihm auf dem Tisch lagen.
“Vielen Dank, Herr Matchekov”, antwortete er und nickte leicht mit dem Kopf, was Matchekov aber nicht bemerkte, denn er war noch immer in die vor ihm platzierten Papiere vertieft.
“So, Herr Boris Manfred. Das ist Ihr Name, nicht wahr?”, fragte Matchekov und sah ihm einmal flüchtig in die Augen und seine Aufmerksamkeit dann wieder den Unterlagen widmete.
“Ja, ganz recht. Das ist mein Name”, bestätigte Boris die Angaben und wartete auf weitere Reaktionen seines Gegenübers, der aber immer noch abgelenkt war. Er hat sich scheinbar nicht sehr sorgfältig auf dieses Vorstellungsgespräch vorbereitet…
Oder er ist mit den Gedanken anderswo, dachte Boris, nutzte aber fast dankbar die Zeit, um sich Matchekov etwas näher anzuschauen. Er trug einen grauen Nadelstreifenanzug mit einem roten Hemd darunter und keine Krawatte. Auf seinem Kopf kräuselten sich die Überreste von grauen Locken und, wenn Boris recht darüber nachdachte, musste er doch schon über 60 Jahre alt sein. Seine gedrungene Gestalt beugte sich mit leicht schiefem Kreuz über seinem Schreibtisch und blätterte mit den faltigen, abgenutzten Händen durch Boris‘ Bewerbung.
“Nun, Herr Manfred.” Matchekov hatte seine Augen wieder ihm zugewandt und sah ihn fast etwas gleichgültig an, während er fortfuhr. “Wie ich sehe, haben sie vor einiger Zeit bereits mit schwer erziehbaren Jugendlichen gearbeitet. Was war der Entlassungsgrund bei ihrer letzten Stelle?”
Boris lächelte milde. “Ich wurde nicht entlassen, müssen Sie wissen. Ich habe gekündigt, da eines meiner Kinder schwer krank war.”
“Hm…”, grummelte der alte Matchekov, so als ob er es gar nicht wirklich aufgenommen hätte, und blätterte zum wiederholten Male in den vor ihm liegenden Unterlagen.
“Also, Herr Manfred, unter diesen Umständen, und wenn ich mir Ihre Bewerbung so anschaue, spricht nichts gegen Ihre Einstellung”, fuhr er nach einiger Zeit fort. “Es ist heutzutage sowieso sehr schwer jemanden für diese Stelle zu finden, der Erfahrung hat, und wenn ich Sie mir so ansehe, dann können Sie sicher auch hart zupacken, wenn es drauf ankommt.”
“Selbstverständlich, Herr Matchekov”, antwortete Boris und lächelte abermals leicht.
“Gut, gut…”, murmelte Matchekov, während er in einer Schublade seines Schreibtisches wühlte und kurz darauf einen Schnellhefter herauszog, um ihn Boris zu reichen.
“Gehen Sie das durch, füllen sie es aus und dann bringen sie es mir einfach wieder herein.” Boris nickte.
“Natürlich. Ich bedanke mich, Herr Matchekov.”
Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und setzte sich wieder in de Flur auf den Stuhl, den er vorher schon besetzt hatte. Schnell überflog er die Bedingungen, füllte die erforderlichen Angaben in die freigelassenen Zeilen ein und stand wieder auf um an die Tür zu klopfen.
Von innen war ein Grummeln zu vernehmen, was Boris dazu veranlasste die Tür zu öffnen und wieder einzutreten.
Matchekov nahm die Verträge entgegen, wandte ihm sein Gesicht aber nicht zu, was Boris nicht weiter störte. Er kannte die Menschen. Es gab eigentlich niemanden, der normal war.
“Sehr schön, sehr schön,” sagte Matchekov nach ein paar Sekunden und schaute Boris endlich an. “Nächste Woche Montag können sie anfangen. Seien Sie um 6 Uhr hier, dann werde ich Ihnen die Einweisung geben.”
“Selbstverständlich. Vielen Dank, Herr Matchekov”, antwortete Boris und reichte ihm die Hand. Matchekov nahm sie nicht sofort wahr, schüttelte sie dann aber kurz.
“Bis Montag, Herr Manfred!”
Dann wies ihn Matchekov mit einer kurzen Handbewegung zur Tür.
Pünktlich um 6 Uhr stand Boris am Montag vor Matchekovs Büro. Er war nicht nervös. Er hatte eine gute Menschenkenntnis und würde mit den Jugendlichen sicherlich bestens zurechtkommen, wenn man das in seinem Metier so sagen konnte.
Bei seiner letzten Stelle jedenfalls brauchte er sich in der Regel nur die Zimmertüren der Jugendlichen ansehen und was außen alles daran klebte und war dann schon in der Lage eine relativ genaue Charaktereinschätzung des Zimmerbewohners, der hinter der Tür hauste, abzugeben.
Um 6.10 Uhr kam Matchekov mit einer Tasse Kaffee aus seinem Büro heraus und nach einer kurzen Begrüßung forderte er Boris auf ihm zu folgen.
Matchekov führte ihn durch die vielen Gänge, zeigte ihm die Aufenthaltsräume, Schuleinrichtungen, Bäder, Speisesäle, Küche und erklärte währenddessen die üblichen Abläufe, die er ihm danach in ausgedruckter Form in die Hand drückte und blieb dann vor einer Tür stehen, die in einen Gang führte, in dem sie noch nicht gewesen waren.
“Und hier ist es, Ihr Reich…”, sagte Matchekov und Boris konnte Respekt, ja fast etwas Furcht in seiner Stimme vernehmen. “Ihr Zimmer befindet sich am Ende des Ganges geradeaus, falls sie einmal hier schlafen müssen… Man kann ja nie wissen.” Boris nickte verständnisvoll.
“Nun, dann lasse ich Sie mal ihre Arbeit machen und kehre zu meiner zurück”, seufzte Matchekov.
“Wenn sie Fragen haben: Meine Tür steht Ihnen jederzeit offen.”
Und damit verschwand er um die nächste Ecke und schlenderte in Richtung seines Büros davon.
Boris betrat nun den Gang, in dem sich links und rechts die Zimmertüren der Jugendlichen aneinander reihten. Geradeaus, am Ende des Flurs, sah er sein Zimmer, stellte aber fest, dass er gar keinen Schlüssel dafür hatte und beschloss ihn sich zu einem späteren Zeitpunkt bei Herr Matchekov abzuholen. Nun wollte er erst einmal sorgsam alle Türen betrachten, um feststellen zu können, mit wem er es hier zu tun hatte beziehungsweise zu tun bekommen würde. Es waren vier Türen auf jeder Seite und nur Jungs, das hatte er im Vertrag gelesen. Aber er hätte es selbstverständlich sofort an den Türen erkannt. Matchekov hatte vorher erklärt, dass es auch noch eine Mädchenetage gab im Haus, es aber wohl der Erfahrung nach das Beste sei, sie nicht unbeaufsichtigt nebeneinander wohnen zu lassen.
Boris sah auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde, dann wäre halb acht und er müsste die Jugendlichen wecken. Es blieb also noch genug Zeit für die Begutachtung der Türen. Er beschloss mit der linken Seite zu beginnen.
An der ersten der vier Türen hing, wie an allen, die Zimmernummer und der Zimmername eingerahmt und gut befestigt. Doch wie Boris schnell feststellte, hatten fast ausnahmslos alle den eigentlichen Namen ihres Zimmers überklebt, um ihm einen anderen – ihrer Meinung nach passenderen oder auch “cooleren” – Namen zu geben.
Auf dieser Tür klebte nun “Betty’s Puff” unter der Zimmernummer eins. Boris schüttelte lächelnd den Kopf und ließ seinen Blick weiter über die Tür schweifen. Es hing außerdem ein Poster eines halb nackten Punks mit vielen Tätowierungen und eine gar nicht so üble Zeichnung eines Totenkopfes daran.
Für Boris war dieses Zimmer ein leichtes. Es handelte sich offenbar um einen Punk, mit einer kreativen Ader, möglicherweise schwul. Wahrscheinlich war er der, der am meisten Probleme bereiten würde, weil er aufmüpfig war und öfter mit Drogen zu tun hatte.
Seufzend ging er zur nächsten Tür. Etwas überrascht blieb er stehen, als er ein lebensgroßes Bild einer funkig aussehenden Sängerin vor sich. Sie hatte eine merkwürdige Kurzhaarfrisur und pinke Haare. Außerdem trug sie ein sehr eigenes Lederoutfit.
Dieser war demzufolge definitiv nicht schwul, dachte Boris bei sich und lachte leise vor sich hin. Wenigstens hatte dieser Bewohner seinem Zimmer keinen eigentümlichen Namen gegeben, da ja das Poster die gesamte Tür verdeckte.
Boris schritt voran zur dritten Tür auf der linken Seite. Sie war mit allerlei pinken, wuscheligen Gegenständen verziert, und in der Mitte hing ein Bild in Rosatönen von irgendeinem dieser bekannten Schönlinge aus Hollywood. Sein Zimmer hatte er Eden genannt. Für Boris war dieser Fall klar. Eindeutig ein absoluter Chaot, der sich über alles und jeden lustig machen würde. Die sehr mädchenhafte Verziehung seiner Tür wies also in keiner Weise auf seine weibliche Seite hin, sondern war schlichtweg ein Scherz um entweder die Mädchen oder die anders orientieren Jungs aufzuziehen. Aber dem würde er das Scherzen schon austreiben…
Nun gelangte er zur letzten Tür an der linken Wand des Flurs. Etwas verdutzt blieb er stehen. An der Tür hing nichts, keinerlei Verzierung und nicht einmal der Name war verändert und so lautete er immer noch “Land’s End”. Er hätte schwören können, dass Matchekov ihm gesagt hatte, es wären alle Zimmer besetzt. Also musste darin wohl der Ruhige und Unscheinbare seiner Truppe wohnen. Naja, der würde wenigstens keine Schwierigkeiten machen.
Boris machte eine Hundertachtzig-Grad-Wende und ihm gegenüber lag Zimmer Nummer fünf. An dieser Tür klebten allerlei Aufkleber mit so ziemlich allen Schimpfwörtern und unzivilisierten Ausdrücken, die ihm bekannt waren, und noch einige mehr.
Selbst der Zimmername war überklebt. Kaum ein Stück Holz war noch von der Tür zu sehen. Boris hob die Augenbrauen. So einen hatte er auch bei seiner letzten Stelle gehabt. Man konnte ihn kaum verstehen, wenn man die Bedeutung dieser ganzen Wörter nicht kannte. Aufgewachsen war er wahrscheinlich in einem Vorstadtviertel, vermutlich war er sogar schwarz, aber sicher Ausländer.
Und weiter ging es mit Tür Nummer sechs. Liebevoll war hier in dickem Graffiti “Hell’s Paradise” über die Tür gesprüht.
“Das wird er zuerst einmal wegmachen müssen”, murmelte Boris, obwohl er durchaus der Meinung war, der Junge habe Talent. Er war wahrscheinlich einer von diesen, die auf der Schule nie Freunde gehabt hatten und deswegen in einer Gang nach Anerkennung suchten und sie durch ihr gutes Sprayen auch endlich fanden.
Die nächste Tür war zu Boris großer Verwunderung abermals völlig unberührt. Unter der Nummer sieben stand “Adlernest” und die Tür wies ein paar Schrammen auf, aber weiter nichts.
“Zwei Ruhige”, sagte er laut vor sich hin. “Naja, mir soll es recht sein.” Dann schritt er zur letzten Tür.
Unter der Nummer acht war in vergilbten Pergament “Globe Theatre” über den ursprünglichen Zimmername geklebt. Sonst hingen allerlei Gedichte an der Tür. Er überflog ein paar davon. Viele davon waren Hassgedichte oder Gedichte, die von Schmerz handelten, waren aber durchaus nicht schlecht, soweit er es beurteilen konnte.
Boris hatte von solchen Jungs gehört, auch wenn er nie selbst mit einem zu tun gehabt hatte. Sie hatten eine kreative Ader, lebten aber in anderen Welten und machten es ihrer Umwelt somit nicht gerade leicht, doch er sah es als interessante Herausforderung.
Nun stand er wieder vor der Tür, durch die er vorher den Gang betreten hatte. Unschlüssig sah er auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Er könnte zumindest versuchen, ob seine eigene Zimmertür nicht vielleicht offen war, überlegte er sich und wandte sich kurz entschlossen auf dem Absatz um. Es war jedenfalls sinnvoller als nur wartend herumzustehen und so ging er mir leisen, aber sicheren und zügigen Schritten auf die Tür am Ende des Ganges zu.
Er drückte die Klinke hinunter und war überrascht, als er merkte, dass sie nachgab. Mit einigem Schwung öffnete er die Tür, machte vor Schreck ein paar Schritte rückwärts und riss dabei die Tür wieder zu.
Was machte eine nur mit Unterwäsche bekleidete Frau in seinem zukünftigen Zimmer? Er malte sich schon aus, welcher von den Jungs ihm wohl diese tolle Überraschung bereitet hatte, als hinter ihm eine Tür aufging. Er drehte sich um und riss erschrocken den Mund auf. Aus der Tür mit den pinken Wuscheln war soeben ein junges, hübsches Mädchen getreten, das ihn jetzt grinsend musterte.
“Männer sind hier verboten oder was sind Sie?”, sagte sie spöttisch und sah ihn von oben bis unten etwas herablassend an.
Boris hatte es die Sprache verschlagen. Langsam dämmerte es ihm. Er war hier nicht auf der Etage der Jungen.
“Ich glaube, Sie haben sich im Gang geirrt. Herr Manfred, habe ich recht?”, wurde sein Verdacht von hinten bestätigt. Die Frau, in dessen Zimmer er eingedrungen war, war soeben herausgekommen und schloss die Tür wieder hinter sich.
Doch schon gingen weitere Türen im Gang auf.
“Was ist denn das hier für ein Krach. So kann man ja nicht arbeiten!”, rief ein etwas genervt wirkendes Mädchen, dass den Kopf aus “Globe Theatre” steckte.
“Kein Grund zur Sorge, Sophie.. Der Herr hier hat sich nur im Gang geirrt”, beruhigte die Frau ihren Schützling, doch Sophie war mit einem lauten Türenknallen schon wieder verschwunden.
Nach und nach kamen alle Mädchen aus ihren Zimmern heraus. Manche waren schon angezogen, manche noch im Schlafanzug, doch sie alle lachten, grinsten oder lächelten bei dem Anblick des so korrekt gekleideten Mannes, der da mit offenem Mund in ihrem Gang stand und verwirrt um sich sah.
Aus dem ersten Zimmer, von dem Boris die Tür betrachtet hatte, kam ein kleines, schmächtiges Mädchen mit langen, blonden Haaren und klaren Augen. Die Tür vom Nachbarzimmer flog auf und ein etwas festeres Mädchen mit kurzen, pinken Haaren – passend zu ihrem Poster an der Tür – trat heraus.
“Hey, wir wollen hier keine Männer! Wer von euch hat denn den wieder mitgebracht? Ich weiß schon, warum ich die nicht bevorzuge…”, sagte sie mit ihrer lauten, rauchigen Stimme und stellte sich mit verschränkten Armen zu den anderen in den Gang.
Schließlich kamen noch zwei weitere völlig normal aussehende Mädchen aus “Hell’s Paradise” und dem Zimmer mit den vielen unsittlichen Aufklebern. Auch sie mussten bei seinem Anblick lachen.
“Miss Aufpasserin, würden sie den bitte aus unserem Revier entfernen?”, kam es nun von dem Mädchen mit den pinken Haaren, das immer noch trotzig schauend da stand und ihn mit einem herablassenden Grinsen musterte.
“Wie wäre es, wenn ihr wieder in eure Zimmer geht, Mädels, und ich den Herrn zu den Jungs geleite. Oben herrscht wahrscheinlich schon das reinste Chaos”, schlug die Frau, die immer noch hinter Boris stand, den Mädchen vor. Dann lief sie um Boris herum und streckte ihm ihre Hand entgegen.
“Jamila Kaller mein Name”, sagte sie und versuchte ihn freundlich lächelnd anzusehen, musste aber doch kurz glucksen. Boris nahm, immer noch sehr durcheinander, ihre Hand und sie schüttelte seine so kräftig, dass er etwas aus seiner Erstarrung gerissen wurde.
“Boris Manfred”, erwiderte er und versuchte ein Lächeln über seine Lippen zu bringen, doch der Erfolg war nicht allzu groß.
“Na kommen Sie! Ich werde Sie nach oben zu den Jungs bringen”, meinte sie dann, doch er widersprach ihr.
“Nein, ich finde allein hinaus, danke.” Hastig lief er den Gang entlang an all den Mädchen vorbei, die immer noch höhnisch grinsend vor ihren Türen standen und ihn anstarrten. Boris Manfred würde wohl erst einmal nach Hause gehen.




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